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„Alte Wege gehen. Neue Wege sehen“ ist das Produkt und hörbare Ergebnis eines Auseinandersetungsprozesses, der im Rahmen einer 10-teiligen Workshopreihe am Museum Neukölln stattgefunden hat. 11 geschichtshinteressierte Neuköllner/-innen fanden in dieser Workshopreihe zusammen, um sich gemeinsam auf eine historische Spurensuche rund um die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz zu begeben. Neben der Aufarbeitung des lokalen geschichtlichen
Erbes, spielten jedoch auch historische Ereignisse und Erfahrungen jenseits der lokalen Erinnerungslandschaft eine zentrale Rolle. Ortsgeschichte traf auf Weltgeschichte, Zeitzeug/-innen erinnerten sich und Neuköllner/-innen kamen ins Gespräch.

Ausgangspunkte

Anlass und Ausgangspunkt des Projekts bildete ein vom Museum Neukölln verantwortetes Forschungs- und Ausstellungsprojekt zur Geschichte der Großsiedlung Britz/Hufeisensiedlung in der Zeit des Nationalsozialismus. Parallel zu den Recherchen und den Arbeiten an der Ausstellung, sollte für die lokale Bevölkerung ein Forum entstehen, um in einen Austausch über historische Erfahrungen zu kommen.

Verortet in einem Bezirk, in dem Menschen aus über 165 Nationen zusammenleben, verpflichtete sich das Projekt jedoch von Beginn an, die Auseinandersetzung mit dem lokalen historischen Erbe in eine globale Perspektive zu rücken. Drei Fragen waren in diesem Zusammenhang zentral für das Projekt:

1. Wie kann die Erinnerung und Aufarbeitung der lokalen Geschichte so gestaltet werden, dass sich jeder/jede, unabhängig von regionaler Herkunft und Identität daran beteiligen kann?

2. Wie lässt sich das lokale Erbe in eine fruchtbare Beziehung setzen zu historischen Erfahrungen, die in anderen regionalen Kontexten gemacht wurden?

3. Wie lässt sich die Vielfalt von historischen Erfahrungen, die in einem Einwanderungland zusammen kommen, würdigen und sichtbar machen?

Konzeptionelle Ansätze: Lokale Erinnerung - globales Erbe

Anknüpfend an diese Fragestellungen hatte sich das Projekt zum Ziel gesetzt, die Zeit des Nationalsozialismus, beispielhaft gemacht an der Geschichte der Hufeisensiedlung, als „globales Erbe“ zu betrachten, an dessen Aufarbeitung sich jede/jeder gleichberechtigt und ungeachtet ihrer/seiner Herkunft beteiligen kann. Die Geschichten von Zeitzeugen aus der Siedlung sollten in der Workshopreihe genauso ihren Platz haben, wie die Geschichten von Personen von „außerhalb“. Durch den Austausch miteinander sollten mögliche Parallelen in den historischen Erfahrungen ergründet und gemeinsam Antworten auf universelle Fragen gefunden werden:

Wie werden Gemeinschaften konstruiiert und wer definiert, wer zu einer Gemeinschaft dazu gehört?
Wie entstehen Feindbilder?
Wie verändern sich Gemeinschaften in gesellschaftlichen Krisen oder unter dem Druck von Kriegen und Diktaturen?
Wie kommt es weltweit immer wieder dazu, dass Menschen, die einst nachbarschaftlich Tür an Tür lebten, plötzlich zu Feinden werden?

Den historischen Rahmen für die Auseinandersetzung mit diesen Fragen sollte dabei zum Einen die Zeit Nationalsozialismus in Deutschland bilden, zum Anderen aber auch vergleichbare Ereignisse/historische Prozessen in anderen regionalen Kontexten. Als Beispiele wurden der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen während des Bosnienkriegs sowie die Auseinandersetzung mit dem Genozid in Ruanda gewählt. Bedingung des Geschichtsvergleichs bildete dabei stets die Prämisse, die historischen Ereignisse „hier“ und "dort" niemals gleichzusetzen.

Beteiligte

Um eine möglichst große Bandbreite an Perspektiven und Lebenserfahrungen innerhalb der Workshopreihe zu versammeln, erfolgte die Einladung zur Teilnahme an die ortsansässige lokale Bevölkerung sowie an migrantischen Vereine, vor allem in Nord-Neukölln. 11 Personen der Jahrgänge 1928 bis 1978 folgten der Einladung, darunter sowohl Bewohner/-innen der Hufeisensiedlung, als auch geschichtsinteressierte Nord-Neuköllner/-innen mit historischen Wurzeln in Brasilien, Griechenland, der Türkei und Polen.

Die unterschiedlichen Perspektiven der Teilnehmer/innen auf die betrachteten historischen Ereignisse und Prozesse, aber auch die persönlichen Geschichten, die sie bei sich trugen, öffnete dabei den Raum für eine breit angelegte Auseinandersetzung mit Geschichte im interkulturellen Gemeinwesen. Ins Zentrum rückte dabei immer wieder auch eine kritische Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur.

Ergebnis und Endprodukt: der Hörspaziergang

Von Beginn an war es das Ziel der Workshopreihe, die ausgetauschten Perspektiven und Erfahrungen „festzuhalten“ und zumindest einige der im geschützten Rahmen der Workshopreihe eröffneten Erzählungen in Form eines Hörspazierganges öffentlich zugänglich zu machen. Das entstandene Endprodukt spiegelt, wenn auch nicht den gesamten Prozess, so doch einen großen Teil der Auseinandersetzung wieder, die im Rahmen der Workshopreihe geführt wurde. Gemeinsam erzeugen diese Stimmen eine Hörcollage aus Erinnerungen und Reflexionen, die die Hörer/-innenauf eine Zeit- und Gedankenreise mitnehmen.

Bei der Gestaltung des Hörspaziergangs diente das Format Radio als Inspirationsquelle. Radio ist das Medium das, wie kein anderes, Stimmen und Klänge aus aller Welt in sich vereint; das Radio ist eine Hörcollage par excellence. Im Hörspaziergang wird das Format Radio hauptsächlich eingesetzt, wenn ein Wechsel zwischen den "Kanälen"/Stimmen stattfindet. Der Klang dieser Kanalsuche, ein weißes Rauschen, symbolisiert die Suche nach Gedanken und Erinnerungen, den Wechsel von Perspektiven und Reflexionsebenen: eine ständige und immer wiederkehrende Bewegung.

  © Roos Versteeg / Barbara Lenz impressum